Zwischen Antike und Bühne
Wir befinden uns im Jahr 1300 v. Chr. – zumindest auf der Bühne und wenn es nach den Beschreibungen Homers geht. Um die Zuschauer in diese Zeit zu entführen, brauchen wir Kostüme – insgesamt übrigens 78 Einzelkostüme. Und hier beginnt eine große Planung: Was trugen die Griechinnen und Griechen in dieser Zeit und wie können wir diesen historischen Kleidungsstil mit den Ansprüchen einer modernen Musicalbühne verbinden?
Denn unsere Kostüme sollen mehr können, als die Kleidung einer vergangenen Epoche nachzubilden. Sie sind ein wichtiger Teil der visuellen Identität von „Odysseus – das Musical“ – gewissermaßen das Corporate Design unseres Stücks.
Unser Ziel ist ein unverwechselbares Erscheinungsbild, das auf der Bühne wirkt, Wiedererkennung schafft und die Zuschauer unmittelbar in die Welt des Odysseus führt. Historische Inspiration und Authentizität treffen dabei ganz bewusst auf künstlerische Freiheit und die Anforderungen einer modernen Bühnenproduktion.
Die Antike war bunt
Die Griechinnen trugen lange Gewänder mit Röcken aus mehreren Schichten. Die Mode zeigte bunte Streifen und tiefe Ausschnitte, teilweise blieben die Brüste unbedeckt. Die Herren waren mit Tuniken bekleidet, ohne Hose. Chlamys nennt man den leichten Sommerumhang, den die eleganteren Herren trugen.
Diese historischen Vorbilder bilden die Grundlage unserer Kostümwelt. Wir kopieren sie jedoch nicht eins zu eins, sondern greifen charakteristische Formen, Farben und Elemente auf und übersetzen sie in eine eigene Bühnensprache. So soll die Epoche erkennbar bleiben und gleichzeitig ein Erscheinungsbild entstehen, das zu unserem Musical gehört.

Alles eine Frage der Farbe: Im Gegensatz zu klassischen Epoche trugen die Menschen in der Zeit der Odyssee sehr bunte Farben. Auch wir wollen diese Farbigkeit übernehmen und überlegen uns deshalb ein Farbkonzept. Alle Personen, die Odysseus wohl gesonnen sind, bekommen bei Töne der Palette „mittelblau“, „gold“, „terrakotta“. Wir tragen damit den Farben Rechnung, die auf Ithaka selbst zu finden sind (Sonne, Meer und Land). Übrigens finden sich blau und gold/gelb auch heute auf der Fahne der Ionischen Inseln, zu denen Ithaka gehört. Alle Widersacher des Odysseus tragen dagegen Elemente in Silber, Schwarz und/oder Rot.
Die Farben haben damit nicht nur eine ästhetische Funktion. Sie helfen dem Publikum auch bei der Orientierung und schaffen Wiedererkennung: Schon über die Farbwelt eines Kostüms lässt sich erkennen, welcher Seite eine Figur zugeordnet ist. Gleichzeitig ziehen sich bestimmte Farben, Materialien und Formen durch die gesamte Inszenierung und geben „Odysseus – das Musical“ seinen eigenen visuellen Charakter.

Historische Inspiration trifft moderne Bühne
Für unseren Auftritt auf der Bayerischen Landesgartenschau in Kirchheim entscheiden wir uns für eine Mischung aus modernen Kleidungsstücken und solchen, die genau in die Zeit des trojanischen Krieges passen würden. Die Röcke der Dienerinnen fertigen wir dafür eigens an. Für die Mannschaft mixen wir selbst Farben an, denn unseren angepeilten Terrakotta Ton finden wir nirgends im Handel.

Dabei steht für uns immer die Frage im Mittelpunkt: Wie viel historische Authentizität braucht ein Kostüm – und was braucht es zusätzlich, damit es auf einer modernen Bühne seine Wirkung entfaltet?
Schnitt, Material, Bewegungsfreiheit, schnelle Kostümwechsel und nicht zuletzt die Wirkung aus der Entfernung spielen dabei ebenso eine Rolle wie die historische Vorlage. Authentizität bedeutet für uns deshalb nicht, ein Museum auf die Bühne zu bringen. Wir wollen den Charakter der mykenischen Welt aufnehmen und daraus eine glaubwürdige, lebendige und unverwechselbare Bildsprache für unser Musical entwickeln.
Die Götter dürfen aus der Reihe tanzen
Die Götter sind zeitlos, aus diesem Grund lassen wir unserer Fantasie freieren Lauf. Sie erhalten Frack und Mantel bzw. ein wunderschönes goldenes Kleid. Auch hier bleibt jedoch die visuelle Handschrift des Musicals erhalten. Die Gottheiten sollen sich deutlich von der Welt der Menschen abheben und auf den ersten Blick als außergewöhnliche Figuren wahrgenommen werden. Ihre Kostüme dürfen deshalb größer, fantasievoller und theatralischer sein.
Der Mantel des Poseidon entpuppt sich als besondere Herausforderung. Auf unserer kurzen Vorschau muss sich der Poseidon Darsteller in ca. 10 Sekunden vom Meeresgott in einen finsteren Freier im Palast von Ithaka verwandeln. Kurzerhand wird ein Gothic-Mantel verlängert, Leder gefärbt, ein Fischschuppenrock angefügt, Knöpfe in Muschelform angenäht und ein Fischernetz als Überwurf fixiert. Das alles mit Klettverschlüssen und auf einen Schwung zum Öffnen, denn es muss ja schnell gehen. Gerade hier zeigt sich, dass ein Bühnenkostüm immer beides leisten muss: Es muss die Geschichte und den Charakter einer Figur transportieren und gleichzeitig ganz praktisch im Theater funktionieren.
Wiedererkennung bis ins Detail
Ein besonderes Highlight werden die Kopfbedekungen von Athene, Poseidon und Penelope. Penelope erhält als Königin der Insel Ithaka einen goldenen Haarkranz mit Olivenlaub und Rosen. Poseidons Krone soll an ein Korallenriff erinnern und für Athene haben wir uns etwas besonderes ausgedacht. Sie erhält eine Mischung aus Helm und Krone. Während vorne die Elemente eines antiken Helme zu erkennen sind, wird ihr Kopf hinten von einem Kranz goldner Federn umrahmt als Hommage an die Eule, ihr Erkennungstier. Die Eule findet sich auch in klein auf dem Stirnstück des Helmes.
Solche wiederkehrenden Symbole, Farben und Formen geben den Figuren eine klare visuelle Identität. Sie sorgen dafür, dass Charaktere unmittelbar wiedererkannt werden und sich zugleich zu einem gemeinsamen Erscheinungsbild des Musicals verbinden.
Alle Kopfbedeckungen fertigen wir in stundenlanger Arbeit selbst an.
Schuhe und Schmuckstücke, Gürtel und Waffengurte, Hosen und Blusen, Haarteile… die Liste der Kostüpmdetails ist lang. Am Ende soll aus all diesen Einzelteilen eine eigene Kostümwelt entstehen: inspiriert von der mykenischen Epoche, angepasst an die Anforderungen der Bühne und mit einer klaren visuellen Handschrift, die „Odysseus – das Musical“ unverwechselbar macht.
Doch es lohnt sich und bei der ersten Kostümprobe wird die Stimmung schnell sehr „griechisch“.
